14. Das Horn an der Säule

Zu Erwins Zeit, als man am Münster baute, und die Fuhrleute herbei eilten, von nah und fern, bis tief aus Oesterreich und aus andern weit entlegenen Ländern, um die Steine herbeizuführen zum Baue, aus Unserer Lieben Frauen Grube im Kronthale, da kam auch Einer daher gezogen aus Ungarn, mit einem großmächtigen Büffel oder Auerochsen, so groß wie man einen nie zuvor gesehen hatte in den Ländern am Rheine.

Zwei Hörner eines Auerochsen, Archäologisches Museum,Straßburg.
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13. Das heilige Grab

Auf der Mittagseite des Münsters hatte Bischof Berthold II., ein geborener Graf von Bucheck und des Landgrafen Sohn von Burgunden, eine schöne, geräumige Kapelle erbaut, im Jahre 1349, in der Ehre der heiligen Katharina geweiht.

Aufsatz über die Wiederherstellung des Heiligen Grabes, Schema zur Darstellung der allgemeinen Struktur und der Hauptelemente des Skulpturenschmucks.

Dahin verordnete er sein Begräbnis.

Dem rührenden, großartigen Gebrauche des Mittelalters gemäß, ließ der Bischof, bei seinen Lebzeiten, sich selbst sein Grab, in der von ihm gegründeten und eingeweihten Kapelle, aufrichten.

Wacker arbeiteten die Steinmetze an dem Gruftsteine.

Da kam, eines Tages, der Bischof denselben zu beschauen.

„Gott grüß‘ Euch! „– sagte er hereintretend zu dem Meister. – „Wie steht es mit meinem Grabe?“

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12. Die Stiftung der Chorkönigspfründe

Im Jahre 1012 kam der römische König Heinrich II. nach Straßburg und wohnte hier etliche Wochen.

Keines Tages versäumte der heilige König den Gottesdienst im Münster. Des Morgens bei der Hochamte, des abends bei der Vesper und in der Nacht sogar, wenn Mettin (Nachtmesse oder Frühmesse) gesungen wurde, saß Heinrich im Chore bei Bischof Werner, seinem treuen Freunde und Rate.

Bamberger Dom – Grab Heinrich II. und Kunigunde

Mit jedem Tage fühlte sich der König wohler und heimlicher im Münster. Täglich erhob ihn mehr die einfache, anspruchslose Frömmigkeit und die innige ungeheuchelte Andacht der Brüder Mariens[i]. Nirgends hatte er noch sämtliche gottesdienstliche Handlungen mit höherer Würde und feierlicherer Weihe begehen sehen. So sehr erhob und entzückte den König die in Werners Münster befolgte Ordnung und Regel, daß allmählich der Wunsch in ihm rege wurde, immerfort zu weilen in dem hehren Heiligtume, inmitten der Brüder, und sich mit ihnen himmelan zu schwingen im Gebete, mit Messelesen und Singen.

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11. Die beiden Arbeiter

Es war im Jahre 1276, am Feste der Lichtmesse, als man in Straßburg sich anschickte, den Bau der prachtvollen, majestätischen Vorderfassade des Münsters, nach der durch Meister Erwin von Steinbach gestellten Visierung zu beginnen.

Anonyme, Cathédrale de Strasbourg, aquarelle, après 1870.

Konrad von Lichtenberg, reich geschmückt im bischöflichen Ornate, hielt selbst an diesem Tage die Messe von Unserer  Lieben Frauen, auf dem Fronaltare im Münster,  und flehte zu Gott und seiner lieben Mutter, Patronin der Kathedralkirche und der Stadt, daß sie gnädig und huldreich herabsehen möchte auf den Bau, der nun, zu ihrer Ehre, aufgeführt werden sollte.

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10. Die Johannisnacht im Münster

Am Tage Johannis des Täufers, im Jahre des Herrn 1007, fiel des Himmels Feuer auf das Münster und brannte es nieder bis auf den Grund, mit der Kirche des heiligen Thomas, und beinahe mit der Hälfte der Stadt, zu Schutt und Asche.

In der Woche Johannis des Täufers, im Jahre des Herrn 1439, wurde des Turmes wundervolle Spitze vollendet und der Muttergottes Bild darauf gestellet, um fernehin in die deutschen Gaue den Völkern zu verkünden, daß nun endlich das riesenhafte, vor Jahrhunderten durch die Väter begonnene Werk des Glaubens und der Sühne, glücklich und ruhmvoll vollendet sei.

Auch war der Johannistag von jeher ein großer Festtag auf und im dem Münster, und zwar nicht für die Lebenden allein, sondern auch für die Todten.

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9. Des Rohraffen und des Hahnes Streit

Es war einst eine lustige Zeit, als der Rohraffe, unten an der Orgel, alleine herrschte im Münster.

Welch ein Jubeln und Frohlocken war es da nicht, im Gotteshause wenn am Pfingstfeste die Landleute, von nah und fern, hereinzogen ins Münster, mit ihren Reliquien und Heiltümern, mit Kreuzen, Fahnen und Kerzen; und dann, droben an der Orgel, irgend ein pfiffiger Geselle, oder Pfaff oder Laie, je nach dem es sich eben traf und schickte, sich hinter den Rohraffen steckte, und während des Gottesdienstes, während Messe, Amt, Vesper und Komplet, sich nicht scheute, laut auf zu lachen, zu brüllen und zu schreien, und sogar allerlei schandbare Lieder herab zu singen, gegen die Gläubigen unten im Schiffe, und ihrer und insbesondere der Landsleute Einfalt zu spotten und zu schmähen ohne Ende, ja selbst der Stiftsherren und Pfaffen nicht schonte, die da andachtsvoll sangen im Chore .

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8. Der Fronhof

Am Festtage St. Johannis des Täufers im Jahre 1007, kam ein schreckliches, gräuliches Wetter über Straßburg. Blitz fiel auf Blitz; der ganze Himmel schien ein endloses Feuermeer und furchtbar dröhnte der Donner hinten drein.

In diesem grässlichen Unwetter schlug des Himmels Feuer in das Münster und in St. Thomas Kirche. Beide Gotteshäuser gingen auf in Flammen; beide brannten nieder, von Grund aus, mit mehr denn einem Dritteile der ganzen Stadt.

Schwer ging dieses namenlose Unglück Bischof Wernern zu Herzen.

Charles Frédéric Oppermann, « le Kronthal », aquarelle, 1828
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7. Der fremde Kavalier und sein Hund

Besucher auf der Münsterplattform, um 1900.
Ansichtskarte (AVCUS)

Unter allen verwegenen Männern Straßburgs war ehemals Herr Simphorianus Pollio (oder Altbüßer), bei Beginn der Reformation Leutpriester oder Pfarrer zu St. Stephan, und hernach, von 1521 bis 1523, Wickrams Nachfolger in der Predikatur des Münsters und zugleich Pfarrer zu St. Martin, und einer des Straßburgischen Reformatoren und der ersten protestantischen Liederdichter, der Allerverwegensten einer. Eines Tages, so wird unter Anderem von ihm erzählt, stellte er sich auf das Geländer der großen Rheinbrücke, bog sich mit dem ganzen Oberteile des Leibes weit hinaus über den Talweg des Stromes und streckte das andere Bein hinter sich weit hinaus. Ebenso war es ihm ein Kleines, oben auf der Plateforme des Münsters sich aufrecht und gerades Leibes auf das Geländer zu stellen, frei herum zu schauen, in die Ferne und in die Straßen auf die Zahllosen Zuschauer, die sich drunten wegen seiner zusammenscharten und sich ob seine Kühnheit und Vermessenheit verwunderten, und sodann rings herum zu spazieren auf der schmalen Brüstung.

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6. Der Brunnen im Münster

Im heiligen Götter-Haine, bei den drei Buchen, neben dem Opfermale, sprudelte eine in einen Bronnen gefaßte und geheiligte Quelle.

Isaac Brunn, « Intérieur de la cathédrale de Strasbourg », 1630

Hier wuschen, in der alten Heidenzeit, die Priester die Opfer, welche dem furchtbaren Gotte des Krieges dargebracht wurden.

Und die Quelle war so lieb den Stämmen weit umher, daß sie erhalten wurde zur Zeit, als Chlodwig, der fromme Frankenkönig, das Heidenthum verdrängte aus den elsäßischen Bauen.

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5. Das Grüselhorn und der Judenblos

Im Sommer des Jahres 1349 kam in das Elsass das größte, schauderhafte Sterben, das bis dahin die Rheinlande heimgesucht hatte.

Aus Asien und Afrika herüber kam die Pest nach Europa und würgte, in der Christenheit gleich wie in der Heidenschaft, die Menschen zu Tausenden, denn, nach dem Berichte der gleichzeitigen Chronikschreiber, herrschte dieses Sterben von einem Ende der Welt bis zu dem anderen, jenseits wie diesseits der Meere.

Den schwarzen Tod nannten die von Schrecken und Entsetzen ergriffenen Völker diese grausame Pest.

Gräulich wütete dieselbe, zu Straßburg wie allenthalben: bei sechszehntausend Menschen gingen zu Grabe, und namenlos war der Jammer und das Elend!

Die Juden allein blieben verschont vor dem Tode, zu Straßburg wie auch an anderen Orten; und hier, wie anderswo, den ganzen Rhein entlang, erscholl die unheilvolle Kunde, daß sie Gift in die Brunnen geworfen und also das Wasser verdorben und das grausame Sterben hervorgerufen hätten.

Und weithin, in vielen Städten, vom Meere hinweg bis in die deutschen Lande, wurden die Juden verbrannt von den ergrimmten Völkern…

Emile Schwitzer, Bild (1894) dem Judenpogrom in Straßburg der 14. Februar 1349
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