1. Das Männlein auf dem Geländer bei der Engelsäule – Zusatz

Ludwig_Schneegans_(1812–1858)(1)1852 veröffentlichte Louis Schneegans, Historiker, Archivar und Bibliothekar der Stadt Straßburg, sein Buch Strasburger Münster-Sagen. Das Buch erschien zuerst in Auguste Stöbers Werk Die Sagen des Elsasses, in einer Fassung, die aber nicht immer dem ursprünglichen Text Schneegans’ entsprach, der vor allem in seinem kritischen Apparat vollständiger ist. Die Erzählungen, die wir Ihnen monatlich anbieten werden, werden wir deshalb meistens aus Schneegans‘ Werk schöpfen.

Die in diesem Monat vorgestellte Geschichte ist nicht ohne literarische Qualitäten. Ein gut ausgearbeiteter Spannungsbogen lässt einen leichten Humor durchschimmern, welcher eine Künstlerseele erkennen lässt, die sich auch von den albernen Anmaßungen des Vulgum Pecus nicht beleidigt fühlt. Die Lektion wird durch den Text und nicht aus dem Mund des Meisters vorgetragen. Ende gut, alles gut.

Ein Zeichen höchster Anerkennung ist, daß die Geschichte mittlerweile zum Mythos geworden ist. Sie findet sich heute auf vielen Websites, die alle aus der Kurzfassung schöpfen, welche Raymond Matzen in seinem Buche Récits légendaires d’Alsace festgehalten hat.

Noch heute sind einige Leute davon fest überzeugt, Meister Erwin selbst hätte sich mit dieser Büste, die laut Schneegans in der Vergangenheit weiße und rote Akzente getragen hätte, persönlich dargestellt. Wie viel Vertrauen kann man diesen Behauptungen entgegenbringen? Die Antwort ist so einfach wie unanfechtbar: es handelt sich um eine reine Erfindung. Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Zunächst einmal stellt die Skulptur einen Mann dar, der in keiner Weise idealisiert ist und dessen grobe Züge sein wahres Alter zeigen. Hätte sich Meister Erwin mit solch einem schonungslosen Realismus dargestellt? Man darf daran zweifeln. Vor allem aber klaffen die Daten weit auseinander. Meister Erwin starb 1318, während die Büste aus dem 15. Jahrhundert stammt, was durch stilistische Analysen eindeutig belegt wird.

Wie kann man sich also den Erfolg dieser Legende erklären? Die Vorliebe für das Anekdotische, verbunden mit einer gewissen Naivität, trägt wohl viel dazu bei, besonders wenn die Geschichte kunstfertig erzählt wird. Darüber hinaus stellt Schneegans in seinem Text den Engelspfeiler heraus, eine der herausragendsten künstlerischen Sehenswürdigkeiten des Straßburger Münsters. Zuletzt verherrlicht er die Symbolfigur par excellence des Münsters, indem er ihr die Hauptrolle gibt. Zusammengenommen machen diese drei Aspekte diese Geschichte zu einer der eindrucksvollsten in der Saga des Straßburger Münsters.

Francis Klakocer; Nachlesung: Prof. Dr. Marc Carel Schurr
Ill. : auteur inconnu — Google, Domaine public

Auteur : Les Amis de la Cathedrale de Strasbourg

Composée de bénévoles passionnés, la Société des Amis de la Cathédrale de Strasbourg veut être, depuis 1902, le lieu de rencontre de tous ceux qui sont attachés à cette grande et belle église, classée au Patrimoine mondial de l’UNESCO.

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